Was ist Plautdietsch???
von Peter Wiens
Mini-Beschreibung: Plautdietsch ist die ursprüngliche Muttersprache der Russland-Mennoniten, in englischsprachiger Literatur auch "Mennonite Low German" genannt.
Entstehungszeit/-ort: in der (Nach-) Reformationszeit im damaligen Westpreußen
Aktuelle Sprecherzahl: ca. 500.000 (davon ca. 200.000 als "Aussiedler" in Deutschland)
Siedlungsgemeinschaften heute in: Deutschland (vor allem OWL), Russland, Kasachstan, Kanada, USA, Mexiko, Belize, Costa Rica, Brasilien, Bolivien, Paraguay, Uruguay, ...
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Die Sprachinselmundart Plautdietsch ist die Umgangssprache fast aller Russland-Mennoniten. Von Linguisten wird dieser Dialekt bzw. diese Sprache als niederpreußische Varietät des Niederdeutschen bezeichnet, die sich im 16. und 17. Jahrhundert im westpreußischen Weichseldelta herausgebildet hat. Viele Anhänger der im Zuge der Reformation entstandenen protestantischen Freikirche der Mennoniten - benannt nach dem holländischen Reformator Menno Simons aus der Bewegung der Wiedertäufer - siedelten sich in dieser Gegend an und ließen die mitgebrachten Mundarten in Anlehnung an die neue (sprachlich ähnliche) Umgebung zur neuen Umgangssprache werden. Gleichzeitig wurde das Niederländische als Kirchensprache beibehalten. Plautdietsch ist also vor ca. 400 Jahren im Mündungsgebiet der Weichsel bei Danzig entstanden.
Auf Einladung von Katharina II. bzw. Paul I., also Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts, wanderten Tausende dieser Mennoniten von Westpreußen nach Südrussland aus. Die neuen Siedler niederländisch-niederdeutscher Herkunft - versehen mit Privilegien wie Religionsfreiheit und Aussicht auf Landerwerb - sollten die von den Türken zurückeroberten Landstriche urbar machen und den ukrainischen Nachbarn als Muster-Landwirte dienen. Im Laufe einiger Jahrzehnte gründeten die Russland-Mennoniten in ihrer neuen Heimat am Dnjepr zwei große "Mutterkolonien" mit insgesamt fast hundert Dörfern. Die erste, auch "Alt-Kolonie" genannt, ist als die Chortizaer Ansiedlung bekannt geworden. Heute ist dort die ukrainische Großstadt Saporoshje. Das zweite mennonitische Siedlungszentrum, entsprechend als "Neu-Kolonie" bezeichnet, lag an einem kleinen Fluss namens Molotschna und wurde daher Molotschnaer Ansiedlung genannt. (Im Jahr 2004 fanden dort Jubiläumsveranstaltungen zur Erinnerung an das Gründungsjahr 1804 statt.) In diesen Kolonien wurde ziemlich bald der Landmangel, der in der Erbteilungstradition begründet war, zu einem großen Problem. Während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (und später) entstanden daher unzählige "Tochterkolonien", die über weite Gebiete des Russischen Reiches verstreut lagen.
Da sich am Ende des 18. Jahrhunderts in der Kirchensprache Westpreußens gerade ein Wandel vom Niederländischen zum Hochdeutschen hin vollzog, nahmen die Auswanderer größtenteils schon deutsche Bibeln und Gesangbücher mit nach Südrussland bzw. in die heutige Ukraine. In den folgenden Jahrhunderten war nun Hochdeutsch die Sprache für Kirche und Schule; Plautdietsch blieb nicht nur Umgangssprache, es wurde neben den religiösen Traditionen auch zu einem Faktor, der wichtig für Identität und Selbstbewusstsein wurde. Diese gemeinsame Sprache war ein starkes Bindeglied und deutliches Erkennungsmerkmal einerseits, aber es bot auch eine (hauptsächlich aus religiösen Gründen erwünschte) Abgrenzung von den übrigen deutschstämmigen Siedlern in Russland.
Wenn man sich von der aktuellen Situation des Plautdietsch ein Bild verschaffen möchte, darf man nicht übersehen, dass die Mennoniten schon im 19. Jahrhundert aus den russischen Siedlungsgebieten zunächst hauptsächlich nach Kanada und in die USA ausgewandert sind. Von dort aus gingen die Wanderströme später auch nach Mexiko, Paraguay und in andere Länder Mittel- und Südamerikas. Größere Migrationsbewegungen in die verschiedensten Richtungen gab es auch infolge des zweiten Weltkrieges, vor allem auch über Deutschland nach Lateinamerika. Schon in den 70er Jahren begann zudem auch die Emigration von den im Sowjetreich eingeschlossen gebliebenen Russland-Mennoniten, die inzwischen größtenteils in Deutschland leben: Schätzungsweise jeder 10. russlanddeutsche Aussiedler stammt aus einer plautdietschen Familie mit dem oben skizzierten russland-mennonitischen Hintergrund, während fast alle anderen aus süddeutschen Regionen stammen.
Plautdietsch wird also heute auf dem gesamten Globus, vor allem aber in Kanada, in den USA, in Paraguay und (hauptsächlich von dem russland-mennonitischen Teil der Aussiedler) auch in Deutschland gesprochen. Offizielle Zahlen zu den Plautdietsch-Sprechern existieren nicht, es werden wohl ca. eine halbe Million weltweit sein, davon ca. 200.000 in Deutschland. Die Plautdietsch-Sprecher haben aufgrund ihrer von weltweiter Migration geprägten Sprachgeschichte und als russland-mennonitische / ethno-religiöse Sprachgemeinschaft eine etwas komplizierte Identität. Sie gehören (jeweils teilweise) zu den folgenden vier Gruppen von Menschen:
- zu den Niederdeutsch-Sprechern in Deutschland
- zu den Sprechern von Minderheitensprachen in Europa und weltweit
- zu den Aussiedlern in Deutschland bzw. Deutschen in Russland, Kasachstan, usw.
- zu den Mennoniten in Deutschland und weltweit
Geschrieben und gelesen wurde bzw. wird in Plautdietsch traditionellerweise sehr wenig, obwohl es unter den Russland-Mennoniten immer schon einzelne Personen gegeben hat, die auch in ihrer Muttersprache dichteten und schrieben. Während man für das Plautdietsch insgesamt feststellen kann, dass die Zahl der aktiven Sprecher wohl eines Tages abnehmen wird, lässt sich auf der anderen Seite ein gegenläufiger Trend konstatieren: Es wird versucht, eine Lese- und Schreibkultur ins Leben zu rufen, wie sie bisher nicht existiert hat. (Siehe dazu auch die Zeitschrift Plautdietsch FRIND des 1999 in Oerlinghausen gegründeten Vereins Plautdietsch-Freunde e.V.)
Inzwischen gibt es ein breitgefächertes Angebot an plautdietschen Text- und Tondokumenten, die vor allem auch im oder übers Internet zu bekommen sind. Die Nachfrage steigt - sei es zum Zwecke der Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln und Traditionen, sei es aus Gründen der Unterhaltung innerhalb der eigenen muttersprachlichen Kultur. Auch die Zahl derjenigen nimmt zu, die sich mehr oder weniger wissenschaftlich für die verschiedensten Aspekte dieser Niederdeutsch-Varietät interessieren, nicht zuletzt auch, um eine vom Aussterben bedrohte Sprache für die Nachwelt zu dokumentieren.
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Mehr zum Thema:
- Reuben Epp: The Story of Low German and Plautdietsch (1998)
- Horst Gerlach: Die Russlandmennoniten. Ein Volk unterwegs (2002)
- Internet: www.plautdietsch-freunde.de
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