Plautdietsch-Freunde in Polen
Russland-Mennoniten auf den Spuren ihrer Vorfahren im Weichseldelta - ein Reisebericht

Auf der Motlau-Brücke im alten/neuen Danzig: Der bekannte Schriftsteller Peter P. Klassen aus Paraguay, hier mit seiner Tochter Marlies. Im Hintergrund ist das berühmte Krantor zu sehen. |
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Die alte Marienburg aus dem 13./14. Jahrhundert, zwischen Nogat und Weichsel, ist die gößte Backstein-Burganlage Europas und war allemal einen Besuch wert... |
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Plautdietsche zu Besuch in der Marienburg. Hier ist die Hälfte der Reisegruppe bei einer Burgführung mit Dr. Arkadi Rybak. |
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Irgendwo zwischen Weichsel und Nogat, südöstlich von Danzig - weit und breit nur Wiesen, Bäume und oben der unendlich weite und blauweiße Himmel: "Hier müsste es sein", meint der Hamburger Mennoniten-Pastor und Westpreußen-Experte Peter Foth.
Aus einem Reisebus mit Lippe-Kennzeichen steigen ca. 50 Personen aus, jüngere und ältere, und gehen zielstrebig auf eine in der Nähe liegende größere Baumgruppe zu - wobei jede Menge Brennnesseln und hohes Gras niedergetrampelt werden. Und plötzlich steht man da, wo einst vor einigen hundert Jahren die eigenen Vorfahren begraben worden sind: Katharina Neufeld schaut staunend und verblüfft auf einen Grabstein mit der Innschrift "Heinrich Neufeld 1789 - 1865", Viktor Harder findet ein zugewuchertes Grabmal mit seinem Namensvetter. Überall sind Namen
wie "Wiebe", "Klassen", "Wiens", "Janzen" usw. zu lesen, mal ziemlich gut erhalten, mal kaum noch zu entziffern. Es sind genau die Namen der Plautdietsch-Sprecher, die sich hier nun fast ein halbes Jahrtausend später auf den Spuren ihrer Vorfahren befinden!
Eingeladen zu dieser Studienfahrt ins Weichseldelta, also in die Region, wo sich die Mundart Plautdietsch in den ersten beiden Jahrhunderten nach der Reformation herausgebildet hat, hatten die Plautdietsch-Freunde aus Oerlinghausen. Gemeinsam mit dem Reisedienst Vogt aus Detmold wurde für ein verlängertes Wochenende Mitte August 2001 eine außergewöhnliche und vielversprechende Busreise zusammengestellt, die u.a. auch eine Führung durch die Altstadt von Danzig und eine Besichtigung der Marienburg des alten Deutschen Kreuzritter-Ordens im Programm hatte. Für die fast ausschließlich plautdietsch-sprechenden Reiseteilnehmer/innen waren natürlich vor allem auch die von ihnen selbst und von Peter Foth ausgewählten und kommentierten Stellen und Ortschaften ihrer jeweiligen Vorfahren interessant. Irgendwo zwischen Danzig und der Marienburg liegt z.B. der mehrere hundert Jahre alte und völlig zugewucherte Friedhof der ehemaligen mennonitischen Ansiedlung namens Rosenort. Gepflegter sah da schon der Friedhof von Heubuden aus, da er vor genau 10 Jahren von Arnold Thielmann, einem der Mitreisenden, und einigen polnischen und kanadisch-mennonitischen Freiwilligen in Ordnung gebracht worden ist. Ihre Ortsnamen wie Rosenort, Heubuden, Tiegenhagen, Margenau usw. haben die Russlandmennoniten während ihrer Wanderschaft über Südrussland in alle Teile der Sowjetunion und später auch nach Nord- und Südamerika "markierenderweise" stets mitgenommen. Heute kann man also mitten im Chaco Paraguays diese Namen fast alle wiederfinden und nicht nur das: Es ist einfach phänomenal, dass dort (und auch sonst fast überall, wo Russland-Mennoniten leben) immer noch genau das Plautdietsch aus der "Migrationsphase" im Weichseldelta gesprochen wird!
Es war also kein Wunder, dass sich die Mitreisenden während der gesamten langen Fahrt kaum Zeit zum Schlafen nahmen. Vorn am Mikrofon gab es nicht nur "volkshochschulmäßig" den sozio-historischen Hintergrund für diese Reise - interessant und kompetent dargestellt von Peter Foth aus Hamburg-Altona, der schon um die 20 Reisen mit anderen Gruppen in dieser Gegend durchgeführt hat. Es gab zwischendurch auch jede Menge plautdietsche Anekdoten, Erzählungen, lustige Kommentare etc. Auch Lieder wurden gesungen, denn es war glücklicherweise eine Gitarre und eine "Quetsch-Komode" an Bord. Die Anwesenheit von bekannteren Persönlichkeiten - der Schriftsteller Peter P. Klassen aus Paraguay und die Historikerin und Ostpreußen-Expertin Ulla Lachauer waren z.B. dabei - machte diese Polenreise für alle Beteiligten erst recht wertvoll. Nicht nur die vielen persönlichen Gespräche, in denen man sich kennenlernte und viel auszutauschen hatte, sondern auch z.B. Klassens Schilderung der Hintergründe zu den Mennonitenansiedlungen in Lateinamerika waren äußerst spannend und füllten bei den Zuhörern so einige "Bildungslücken". (In diesem Jahr ist übrigens auch die Neuauflage von P. P. Klassens Geschichtswerk "Die Mennoniten in Paraguay. Band 1" erschienen.) Klassen verriet während der Fahrt, dass er seine hier gewonnenen Eindrücke in ein neues Buch einfließen lassen möchte, das dem Leser einen Einblick in jene vergangene Welt gewähren soll - u.a. auch in die ehemalige Siedlung Orlofferfelde. Apropos Bücher: Ulla Lachauer hat diese Reise u.a. auch dafür genutzt, sich die Ortschaft Marienau etwas näher anzuschauen. In dem Buch, an dem sie gerade arbeitet, geht es nämlich um das Schicksal mehrerer Generationen der Familie Pauls. Die Vorfahren von Heinrich Pauls, der ebenfalls mit den Plautdietsch-Freunden in Polen unterwegs war, kommen aus diesem Marienau. (Nebenbei bemerkt: Kürzlich wurde im WDR-Fernsehen Ulla Lachauers Dokumentarfilm "Karaganda. Die Stadt der Verbannten" gezeigt, in welchem u.a. gezeigt wird, wie die Tochter von Heinrich Pauls ihre "alte Heimat" in Nordkasachstan besucht...)
Insgesamt wurde diese Studienreise ins Weichseldelta von allen Seiten als voller Erfolg gewertet. Von einigen war sogar zu hören, dass sie "irgendwann nocheinmal selbst in diese Gegend fahren" würden, um mehr Zeit für persönliche Eindrücke und für das Aufarbeiten der eigenen Familiengeschichte zu haben. Mehr oder weniger spontan kam während der Rückfahrt auch der Gedanke und Wunsch auf, z.B. eines der großen hübschen westpreußischen Vorlaubenhäuser von dort nach hier, z.B. in ein größeres Freilichtmuseum, zu "verpflanzen"... Eine verrückte Idee? Vielleicht ja doch nicht, denn die Plautdietsch-Freunde, die da so am "Spinnen" waren, sind hier in Deutschland als Museologe (Arnold W. Thielmann), Tischlermeister (Jakob Martens), Architekt (Jakob Dück), Holztechniker (Harry Martens), Historikerin (Dr. Katharina Neufeld), Germanist (Heinrich Siemens) etc. tätig und teilweise auch in der Kommunalpolitik aktiv (Viktor Harder). In dem Haus könne man dann, so war es jedenfalls beim "Brainstorming" im Bus zu hören, ein Plautdietsches Museum beherbergen, plautdietsche/russlanddeutsche Speisen anbieten und vielleicht noch einiges mehr veranstalten. Noch bevor der Reisebus wieder in Oerlinghausen angekommen war, hatte das angedachte Projekt auch schon einen Namen, nämlich "Odboa", das plautdietsche Wort für "Storch". Storchenpaare in ihren großen Nestern gab es nämlich während der Fahrt durch den Norden Polens sehr häufig auf den Dächern der westpreußischen/polnischen Häuser zu sehen und zu bestaunen. Der "Odboa" schien den plautdietschen Reisenden ein sympathisches Symbol zu sein für die eigene Migrationsgeschichte, Sprache und Kultur - für das Leben, das woanders weitergeht...
Die hier beschriebene Weichseldelta-Studienreise ist übrigens die erste von (in Zukunft einmal jährlich stattfindenden) weiteren Busfahrten/Reisen des Vereins der Plautdietsch-Freunde in Deutschland. Die nächste "Plautdietsch-Reise" soll in die Ukraine führen: Chortiza, Molotschna. Dorthin wanderten die plautdietschen Vorfahren nämlich von Westpreußen aus und blieben teilweise bis zum 2. Weltkrieg dort am Dnjepr - dann ging's wieder weiter!
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