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Plautdietsch - Mundart, Milieu, Mensch
Bericht von der 2. Jahrestagung der Plautdietsch-Freunde mit einer Sonderausstellung des Museums zur Geschichte der Deutschen in/aus Russland am 9. Juni 2001 in Detmold

"Plautdietsch - Mundart, Milieu, Mensch" lautete am 9. Juni in der Aula der Detmolder August-Hermann-Francke-Schule das Motto der 2. Jahrestagung der Plautdietsch-Freunde e.V. und gleichzeitig auch das Thema des fesselnden Vortrages des Soziolinguisten Arnold W. Thielmann. Den interessierten Zuhörern, die aus ganz Deutschland angereist waren, ging es an diesem Samstag den ganzen Tag lang einzig und allein um ihre westpreußische Mundart, die schon länger auf allen Kontinenten unserer Erde zuhause ist: das Plautdietsch der Russlandmennoniten.

Kleiner Rückblick: Vor ca. 450 Jahren wanderten die Vorfahren der anwesenden Tagungsteilnehmer/innen im Zuge der Reformationsbewegungen in die Gegend südöstlich des heutigen Danzig aus, wohin sie ihre niederdeutschen Dialekte mitbrachten, die sich dann dort mit den westpreußischen Mundarten vermischten. Es entstand eine neue Mundart/Sprache, die heute noch in Russland, Kanada, in den USA, in Paraguay und in vielen anderen Ländern der Welt gesprochen wird. Vor ca. 200 Jahren sind die plautdietsch-sprechenden Mennoniten aus Preußen nach Südrussland gewandert und von dort aus in alle Teile der Sowjetunion, später auch nach Kanada und von dort aus weiter bis nach Südamerika. In den letzten Jahrzehnten sind um die 100 000 Russlandmennoniten, die in den GUS-Ländern geblieben waren, als Aussiedler nach Deutschland (zurück?-) gekommen. Der Verein Plautdietsch-Freunde e.V. ist seit ca. 2 Jahren mit Kopf und Herz darum bemüht, das kulturelle und vor allem auch sprachliche Erbe dieser "Volksgruppe" zu dokumentieren, zu fördern und zu pflegen. In diesem Zusammenhang fand nun auch diese Tagung statt, die in diesem Jahr in Kooperation mit der Historikerin Dr. Katharina Neufeld vom Detmolder Museum zur Geschichte der Deutschen in/aus Russland durchgeführt wurde.

Zurück zur Tagung: Neben dem oben erwähnten soziolinguistischen Vortrag gab es auch hochinteressante Beiträge zu sprachwissenschaftlichen und historischen Aspekten des Plautdietschen und seiner Sprecher. So wies Prof. Dr. Jan Wirrer von der Universität Bielefeld in seinem Vortrag zum Thema "Plautdietsch und das europäische Jahr der Sprachen 2001" u.a. auch darauf hin, dass Plautdietsch im Rahmen des Niederdeutschen als Regionalsprache in der europäischen Sprachencharta fest verankert ist. Dr. Horst Gerlach von der Mennonitischen Forschungsstelle Weierhof in Süddeutschland, bekannt vor allem auch durch seinen umfangreich illustrierten Geschichtsband "Die Russlandmennoniten. Ein Volk unterwegs", beleuchtete in einem spannenden Vortrag die Ansiedlung der Mennoniten in Westpreußen und wird, so ist es jedenfalls geplant, auf der nächsten Jahrestagung mit einem weiteren historisch fundierten Beitrag zur Ansiedlung der Mennoniten in Südrussland, also in der heutigen Ukraine, wieder dabei sein. Was die Rechtschreibung des Plautdietschen betrifft, so war im Vortrag von Heinrich Siemens, Germanist an der Uni Bonn, zu erfahren, welche Ansätze es bisher gegeben hat und welche Probleme das Plautdietsch-Schreiben so mit sich bringt. Er motivierte all diejenigen, die Plautdietsch auch schreiben möchten, in der Buchstabenwahl möglichst einfach, systematisch und auch für die anderen Sprachgruppen, in denen Plautdietsch gesprochen wird (Russisch, Englisch, Spanisch), so verständlich wie möglich zu sein und machte in diesem Zusammenhang auch einige Vorschläge. Bisherige Vereinheitlichungsversuche seien gescheitert, es käme nun auf neue Versuche an.

Während des Nachmittags wurde ein abwechslungsreiches Programm von plautdietschen Gedichten, Kurzgeschichten und Liedern präsentiert. Besonders die selbstkomponierten Songs von Andreas Dück aus Münster kamen gut an. (In den nächsten Monaten soll übrigens eine CD von ihm erscheinen.) Zwischendurch gab es natürlich auch die Möglichkeit, plautdietsche bzw. mennonitische Gerichte ("Borsch" mit "Rollkoke"), Backwaren ("Tweeback" und "Riebelplauz") und Getränke, wie z.B. den "Prips" (koffeinfreier Kaffee aus gemahlenem Weizen), zu probieren. Der Höhepunkt der Plautdietsch-Tagung war schließlich der Abend mit dem Bühnenstück "De Fria" vom plautdietsch-kanadischen Russlandmennoniten Arnold Dyck, der neben Jack Thiessen und Reuben Epp wohl der bekannteste Plautdietsch-Autor überhaupt ist. Das ca. einstündige "plattdeutsche Stück in einem Aufzug" wurde von einer Laien-Theatergruppe aus Wienhausen bei Celle unter der Leitung von Binia Voth aufgeführt und bekam jede Menge Applaus, u.a. auch von Hedi Knoop, Tochter des Arnold Dyck, Lyrikerin und Verlegerin aus Luchte bei Espelkamp. In einem Beitrag unmittelbar vor der Aufführung ließ sie die ca. 300 Anwesenden an einigen hochinteressanten Einblicken in das Leben und Werk ihres Vaters teilhaben.

Der Abend und somit auch die Tagung endete mit einer Verlosung einer Busreise nach Danzig, zu den Ursprüngen des Plautdietschen. (Bei dieser Studienfahrt vom 10. bis zum 13. August 2001 reisen u.a. auch die Historikerin Ulla Lachauer, der Schriftsteller Peter P. Klassen aus Paraguay und Pastor Peter Foth aus Hamburg-Altona mit.) Der glückliche Gewinner eines Freiplatzes war Johann Penner aus Detmold. Es wurde am Ende der Tagung noch darauf hingewiesen, dass man über die neue und gerade erschienene Zeitschrift des Vereins "Plautdietsch FRIND", die von dieser Tagung an nun viermal jährlich erscheinen soll, über weitere Veranstaltungen dieser Art und auch sonst über Neues und Altes aus der Plautdietsch-Welt informiert bleiben kann.


Die "Funksche" (Elisabeth Voth) im Gespräch mit dem naiv-eifrigen Stalljungen "Fraunztje" (Jascha Wiens)

"De Fria" (links) war Jakob Martens, Holztechniker und Tischlermeister im "echten" Leben
Familien-Krisensitzung bei den Funks: die Missverständisse mit dem Fria wirken komisch und tragisch zugleich

Andrea Martens spielte die "Auntje". Dem Publikum ist nicht aufgefallen, dass sie im "echten" Leben Plautdietsch als "Fremdsprache" gelernt hat...
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Andreas Dück aus Warendorf präsentierte einige seiner einfallsreichen Songs - demnächst ist er auch auf CD zu haben!


Prof. Dr. Jan Wirrer, Germanist und Linguist an der Universität Bielefeld, hier während seines Vortrages zu Plautdietsch im Rahmen des Europ. Jahres der Sprachen 2001


Die Initiatoren der Plautdietsch-Tagung 2001: Peter Wiens (Plautdietsch-Freunde e.V.) und Dr. Katharina Neufeld (Russlanddeutsches Museum)


Helene Wall, Vera Voronjuk und Elli Penner sangen a capella, mit bezaubernden Stimmen und in plautdietscher Sprache...


Am Büchertisch hinter Wörterbüchern von Jack Thiessen: Franz Thiessen aus Leopolds-höhe liest in der neuen Vereins-Zeitschrift "Plautdietsch FRIND"


Der Soziolinguist Arnold W. Thielmann (Lage) während seines Vortrages zum Tagungsthema "Plautdietsch - Mundart, Milieu, Mensch"


Der Germanist Heinrich Siemens (Uni Bonn) informierte über den Stand der plautdietschen Rechtschreibung...


Der Historiker Dr. Horst Gerlach von der Mennonitischen Forschungsstelle Weierhof referierte über die Ansiedlung der Mennoniten in Westpreußen.


Museum zur Geschichte der Deutschen in/aus Russland in Detmold, Georgstr. 24, auf dem Gelände der August-Hermann-Francke-Gesamtschule